Pflegeethik im Spannungsfeld von Ökonomie und Menschlichkeit

Veröffentlicht am 29. August 2025 um 20:00

Pflege ist mehr als Waschen, Lagern und Dokumentieren. Sie ist ein zutiefst menschlicher Beruf, geprägt von Nähe, Verantwortung und Fürsorge. Doch dieser Kern der Pflege gerät zunehmend unter Druck: wirtschaftliche Vorgaben, Personalmangel und Zeitknappheit bestimmen vielerorts den Alltag. Pflegekräfte stehen dadurch täglich vor einem ethischen Dilemma: Wie lässt sich gute, würdevolle Pflege leisten, wenn die Rahmenbedingungen dagegenarbeiten?

Ökonomischer Druck in der Pflege

Die Einführung des DRG-Systems (Diagnosis Related Groups) in Deutschland hat die Finanzierung von Krankenhäusern stark verändert. Pflegeleistungen sind zwar unverzichtbar, tauchen jedoch in den Abrechnungen oft nur indirekt auf. Das führt dazu, dass Pflege als „Kostenfaktor“ betrachtet wird, während ärztliche Leistungen Erlöse generieren.

In stationären Einrichtungen sieht es ähnlich aus: Heimleitungen stehen unter Kostendruck, die Refinanzierung orientiert sich an Pflegegraden und Pflegesätzen. Der Faktor Zeit wird zur knappen Ressource – und Pflegekräfte stehen zwischen Stoppuhr und Menschlichkeit.

Eine aktuelle Studie der Hans-Böckler-Stiftung (2022) zeigt: Über 70 % der Pflegenden erleben regelmäßig Situationen, in denen sie weniger Zeit für Patient*innen haben, als sie für ethisch vertretbar halten.

Ethische Konflikte im Alltag

Die Folgen sind im Alltag spürbar. Beispiele:

👉 Grundpflege unter Zeitdruck: Statt 30 Minuten bleiben oft nur 10. Pflegekräfte wissen, dass sie eigentlich mehr auf die Wünsche der Bewohner*innen eingehen müssten – müssen aber schon zur nächsten Klingel.

👉 Isolation oder Selbstbestimmung?: Eine Bewohnerin möchte am späten Abend noch einmal in den Garten. Aus ökonomischen Gründen ist aber nur eine Nachtdienstkraft vor Ort – die das nicht leisten kann.

👉 Medikamentengabe vs. Gespräch: Der Plan sieht die schnelle Verabreichung von Medikamenten vor, doch der Patient hat Angst und möchte reden. Wer zuhört, riskiert, in Verzug zu geraten.

Diese Spannungen führen zu einem Phänomen, das in der Ethikdiskussion „Moral Distress“ genannt wird: Pflegende wissen, was fachlich und menschlich richtig wäre, können es aber nicht umsetzen – weil Strukturen, Zeit oder ökonomische Vorgaben dagegenstehen.

Menschlichkeit als unverzichtbarer Teil der Pflege

Trotz aller Zwänge ist klar: Menschlichkeit ist kein „Zusatz“, sondern Kern des Pflegeberufs. Pflege ohne Empathie, Zuhören und Beziehungsgestaltung reduziert sich auf reine Verrichtung – und das widerspricht sowohl dem Pflegeverständnis als auch dem Berufsethos.

Carl Rogers betonte bereits in den 1960er-Jahren, dass echte Beziehung und Wertschätzung Grundvoraussetzungen für Heilung und Wohlbefinden sind. Übertragen auf die Pflege heißt das: Nur wenn Menschlichkeit gelebt wird, kann Pflege ihrem Auftrag gerecht werden.

Wege aus dem Dilemma – was helfen kann

Natürlich kann eine einzelne Pflegekraft die Systemprobleme nicht allein lösen. Doch es gibt Ansätze, wie ethische Werte im Alltag gestärkt werden können:

👉 Ethikkomitees und Fallbesprechungen: Immer mehr Einrichtungen bieten interdisziplinäre Ethik-Teams an, in denen schwierige Situationen reflektiert und gemeinsame Lösungen gefunden werden.

👉 Politische Forderungen: Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) fordert seit Jahren eine angemessene Finanzierung und die Abbildung pflegerischer Leistungen im DRG-System. Hier ist gesellschaftlicher Druck entscheidend.

👉 Teamreflexion und offene Kultur: Wer mit Kolleg*innen regelmäßig über Belastungen und Konflikte spricht, beugt moralischer Überlastung vor. Manche Einrichtungen haben Ethik-Cafés oder Supervision etabliert.

👉 Selbstfürsorge: Auch wenn es paradox klingt: Wer sich selbst ernst nimmt, kann Menschlichkeit besser leben. Kleine Rituale, Humor im Team und klare Grenzen sind keine Schwäche, sondern Voraussetzung für gute Pflege.

Fazit

Pflegeethik im Spannungsfeld von Ökonomie und Menschlichkeit ist kein theoretisches Thema, sondern Alltag in Kliniken und Heimen. Pflegekräfte stehen zwischen Zeitdruck, Vorgaben und dem eigenen Anspruch, Menschen würdevoll zu versorgen. Dieses Spannungsfeld ist kräftezehrend – und zugleich Ausdruck der hohen Professionalität der Pflege.

Berufsstolz, Empathie und Menschlichkeit dürfen nicht zum Luxusgut werden. Sie sind der Kern unseres Berufs – und müssen strukturell unterstützt, finanziell anerkannt und gesellschaftlich wertgeschätzt werden. Denn Pflege ohne Ethik ist keine Pflege, sondern reine Verwaltung von Bedürfnissen.

Pflege ist wichtig - und du bist es auch!